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17. Jänner 2017, 18.00 Uhr Kunstuniversität Linz, Expostmusik, Domgasse 1, 4. OG

Joseph Vogl: "Das seltsame Überleben der Theodizee in der Ökonomie"

Vortrag im Rahmen der Reihe "relatifs"

Ähnlich wie die Theodizee einst das vernünftige und vorausschauende Wirken Gottes in einer Welt voller Desaster zu rechtfertigen versuchte, behaupten liberale Markttheorien, dass die gegenwärtige Finanzökonomie – trotz aller Krisen und Crashes – die beste aller ökonomischen Welten sei. Der Erfolg solcher Lehren liegt nicht nur darin, dass sie komplexe soziale Prozesse auf einfache Operationen wie Tauschakte reduzieren. In ihnen verkörpert sich auch eine elementare Hoffnungsfigur: dass Märkte und insbesondere Finanzmärkte privilegierte Schauplätze sozialer Ordnung seien; dass sich in ihnen eine Art praktischer Vernunft verwirkliche; dass die alte göttliche Vorsehung in den Regelmäßigkeiten des Wirtschaftssystems wiederkehre. Ökonomische Theorie erscheint dabei weniger realistisch, als zutiefst moralisch, metaphysisch und theologisch zu sein. Und es stellt sich die Frage, ob die letzten Finanzkrisen nicht einen ähnlichen Effekt wie das Erdbeben von Lissabon 1755 haben, das alle Versuche einer Theodizee erschütterte und nur in satirischer Form überleben ließ. Was heute auf dem Spiel steht, ist nicht weniger als die Geltung und die Haltbarkeit einer liberalen bzw. kapitalistischen ‚Oikodizee’, einer Theodizee der ökonomischen Welt.

Joseph Vogl, Germanist und Philosoph, ist seit 2006 Professor für Neuere deutsche Literatur, Literatur- und Kulturwissenschaft und Medien an der Humboldt-Universität zu Berlin und seit 2007 Permanent Visiting Professor an der Princeton University, USA. Er ist Übersetzer von Schlüsselwerken der neueren französischen Philosophie (Gilles Deleuze: Differenz und Wiederholung, Jean-François Lyotard: Der Widerstreit) und gibt beim Diaphanes-Verlag gemeinsam mit Claus Pias die Buchreihe »sequenzia« heraus. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Geschichte und Theorie des Wissens, Poetologien des Wissens, Geschichte von Gefahr und Gefährlichkeit in der Neuzeit, Diskurs- und Medientheorie und Literaturgeschichte des 18. bis 20. Jahrhunderts. In seinem 2010 erschienenen Werk "Das Gespenst des Kapitals" prägte er den Begriff der ‚Oikodizee’, mit dem er für eine Entzauberung des ökonomistischen Credos der Finanzmärkte plädiert und auf die irrationale Dynamik entfesselter Geldwirtschaft verweist.

Die Veranstaltungsreihe wird von Karin Harrasser (Kunstuniversität Linz, Kulturwissenschaft), Anne von der Heiden (Kunstuniversität Linz, Kunstgeschichte und Kunsttheorie) und dem Kepler Salon Linz ausgerichtet.

Einladung.pdf