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Eigenleben. Wirkmachtverhältnisse in künstlerischen Verfallsprozessen

Yorick Josua Berta

Dissertationsprojekt | laufend
Abteilung für Kunstgeschichte und Kunsttheorie

In den 1960er Jahren experimentieren viele Künstler*innen (etwa Gordon Matta-Clark, Alice Aycock oder Dieter Roth) mit biotischen Materialien wie Schokolade, Hefe, Fleisch und Schimmel und stellen diese Experimente im Galerieraum aus. Solche intendierten, der menschlichen Intention jedoch oft entgleitenden Verfallsprozesse stehen in einem ambivalenten Verhältnis zu ihrem institutionellen Rahmen. Verfallende Kunstwerke hinterfragen gängige Vorstellungen von Produktion, Rezeption und Konservation, von Autorschaft und dem Ewigkeitswert von Kunst. Gleichzeitig bestätigen sie eben diese Vorstellungen durch ihre Vermarktung, Ausstellung und Bewahrung in den herkömmlichen Institutionen. Ebenso ambivalent ist ihre kunsthistorische Stellung. Verfallende Kunst schreibt sich ein in die Topoi des lebenden Kunstwerks und der Vanitas, überführt jedoch beide in die materielle Realität: Lebendigkeit und Vergänglichkeit werden hier nicht repräsentiert, sondern präsentiert.

Im Licht heutiger Diskurse über nicht-menschliche Wirkmacht und Kreativität, über Fungi und Fermentationsprozesse als Momente eines Symbiozäns und über die Verbindung von ›Kunst‹ und ›Leben‹ in der BioArt erhalten die Arbeiten der 60er Jahre eine neue Relevanz. Ebenso wie die Möglichkeit einer symbiotischen Kunstpraxis stecken in diesen künstlerischen Verfallsprozessen jedoch auch Machtverhältnisse, die in Praktiken der Begrenzung, der Kontrolle oder auch der Fürsorge zum Ausdruck kommen.

Lässt sich die verfallende Kunst der 1960er mitsamt ihrer institutionellen Rahmung demnach als ein Sinnbild für unsere Beziehung zu unserer nicht-menschlichen Umwelt begreifen, oder als Vorgriff auf ihre aktuelle Neuverhandlung?

Dieter Roth, Kleine Insel, 1968, Küchenabfälle, Gips, Nägel, Papier, Öl, Holz, Plexiglas, 30 x 35cm, Privatbesitz