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STAY IN TOUCH 15

stay-in-touch geht in eine neue Runde

Stay in touch ist eine Kollaboration der Kunstuniversität Linz, Abteilung Kulturwissenschaft mit dem Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK), der Zeitschrift für Kulturwissenschaften, dem ilinx-Magazin und weiteren Partnerinstitutionen.

Es wird eine Bibliothek von Texten zusammengestellt, die dabei unterstützen, einen solidarischen und informierten Umgang mit der Pandemie zu finden. Es werden klassische und aktuelle Texte aus 2500 Jahren kommentiert und zur Verfügung gestellt.

stay-in-touch.org

Diese Woche:

1935 — Ludwik Fleck, wo sind Sie, jetzt, da wir Sie brauchen?

Ludwik Flecks »Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache« wiedergelesen

Von Ilana Löwy

Ludwik Flecks Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache

Covid-19-Tests und die Politik der großen Zahlen
Wir werden unaufhörlich mit Daten über die Entwicklung der Covid-19-Pandemie überflutet. Die WHO und die Coronavirus-Seite der Johns-Hopkins-Universität informieren über die tägliche Anzahl von Covid-19-Infektionen und Todesfällen weltweit, während nationale Medien Details über die Dynamik der Pandemie in jedem Staat, jeder Region und jeder Stadt liefern. Diese Daten werden dazu verwendet, die öffentliche Ordnung zu gestalten. Zu Beginn des Frühjahrs 2020, während der ersten beängstigenden Phase der Pandemie, herrschte in Europa und Nordamerika ein relativer Konsens über die Notwendigkeit strenger Eindämmungsmaßnahmen. Einige Monate später wurden die staatlichen Maßnahmen zunehmend kritisiert und angefochten. Diese Kritik konzentrierte sich jedoch meist auf die vermeintlichen Mängel der vorgeschlagenen Maßnahmen – zu viel, zu wenig, falsche Ziele, falsche Prioritäten. Seltener wurden die Daten infrage gestellt, die zur Legitimierung spezifischer Interventionen verwendet wurden. Das ist insofern verblüffend, als keineswegs abschließende Klarheit darüber herrscht, was als ein »Covid-19-Fall« gelten kann und wie solche Fälle sichtbar gemacht werden sollten.

Als der Direktor der WHO, Tedros Adhanom Ghebreyesus, in seiner »einfachen Botschaft an die Nationen« am 16. März 2020 dazu aufrief, überall auf Covid-19 zu »testen, testen, testen«, ließ er unerwähnt, dass es sich bei solchen Tests um alles andere als die unproblematische Produktion ›wissenschaftlicher Fakten‹ handelt (Ghebreyesus 2020). Ein Covid-19-Fall ist eine Person, bei der das positive Ergebnis eines diagnostischen Tests auf das Vorhandensein des SARS-CoV2-Virus im Körper vorliegt. Der Test, der als »Goldstandard« des SARS-CoV2-Nachweises gilt, die RT-PCR (Reverse-Transkriptase-Polymerase-Kettenreaktion), zeigt das Vorhandensein von viraler RNA in den Körpersekreten an. Ein anderer Test, der nach der Präsenz von Proteinen aus der Virushülle sucht, ist viel schneller als der PCR-Test; er liefert innerhalb von 15 bis 30 Minuten statt nach Stunden Ergebnisse, gilt aber als etwas weniger genau. Tests, die Antikörper gegen das Coronavirus anzeigen, gelten ebenfalls als etwas weniger genau als der ›klassische‹ PCR-Test. Sie sind erst in späteren Stadien der Infektion positiv und bleiben es in der Regel auch nachdem das Virus nicht mehr im Organismus vorhanden ist. Sie sind daher möglicherweise für den klinischen Einsatz weniger geeignet, aber, einigen Spezialisten zufolge, besser geeignet, um den Verlauf des Infektionsgeschehens in Populationen zu verfolgen (Mina et al. 2020).

Die Genauigkeit der Tests auf SARS-Cov2 hängt von der Empfindlichkeit und der Spezifität des verwendeten Tests, der Zuverlässigkeit der Präparation der zu untersuchden Proben (dies ist besonders im Zusammenhang nasopharyngaler Abstriche relevant), der Qualität der Reagenzien und Instrumente und der Fähigkeit der Personen ab, die die Tests durchführen. Und es hängt ebenso von der Prävalenz von SARS-CoV2 in der getesteten Population ab: Ist diese niedrig, steigt die Wahrscheinlichkeit von falsch-positiven und falsch-negativen Ergebnissen.

Darüber hinaus können PCR-Tests für SARS-CoV2 ›echte falsch-positive Ergebnisse‹ liefern, d.h. Ergebnisse, die zwar in technischer Hinsicht korrekt, aber weder klinisch noch epidemiologisch bedeutsam sind. Manche Menschen sind mit dem Erreger infiziert, obwohl die Viruslast in ihrem Körper wahrscheinlich zu gering ist, um sie krank oder für andere infektiös zu machen. Ob sie als Covid-19-Fälle eingestuft werden, hängt von der Kalibrierung des PCR-Tests ab. Die scheinbar rein technische Entscheidung – wie viele Zyklen der RNA-Amplifikation notwendig sind, um SARS-CoV2 in einer Probe nachzuweisen – hat starke Auswirkungen auf die Anzahl der positiven Ergebnisse. Die meisten PCR-Tests in den USA führen 37 bis 40 Amplifikationszyklen durch, während es in Frankreich 40 bis 45 Zyklen sind. Einige Experten haben vorgeschlagen, diese Zahl auf 30 Zyklen oder sogar weniger zu reduzieren, um nur klinisch/epidemiologisch relevante Fälle zu erkennen (Sénécat 2020). Zum jetzigen Zeitpunkt (Oktober 2020) sind die diagnostischen Tests für Covid-19 noch weit davon entfernt, weltweit oder auch nur innerhalb eines Landes standardisiert zu sein. Dementsprechend sind auch die ›Fakten‹ über die Prävalenz von Covid-19 heterogen.

Eine weitere, noch entscheidendere Quelle von Schwierigkeiten bei Studien über die Prävalenz von Covid-19 liegt darin bergründet, dass sehr unterschiedlich viel getestet wird.  Ein erheblicher Prozentsatz mit SARS-CoV2 infizierter Personen ist völlig symptomfrei oder hat nur geringe Symptome, die leicht mit einer schlichten Erkältung verwechselt werden können. Es ist unklar, wie groß der Anteil mit SARS-CoV2 infizierter Menschen ist, bei denen die Infektion asymptomatisch verläuft und daher durch -Teststrategien, die auf Symptome fokussieren, nur schwer offengelegt werden kann. Schätzungen schwanken zwischen 20 und 80 %, wobei die Mehrheit der Schätzungen im Bereich von 20 bis 40 % liegt (Oran/Topol 2020). Es wird jedoch davon ausgegangen, dass auch asymptomatische Träger des Coronavirus, zumindest aber asymptomatische Erwachsene und Jugendliche, andere infizieren können (Schuman/Simmank 2020). In den frühen Stadien der Pandemie entschieden sich einige Länder dafür, nur Personen mit schwerwiegenden klinischen Symptomen zu testen, eine Entscheidung, die oft durch den Mangel an Tests begründet war, während andere Länder alle symptomatischen Personen und, auch unabhängig von Symptomen, deren Kontaktpersonen testeten. Heute erklären die Gesundheitsbehörden in den meisten Ländern, dass sie sich für den zweiten Ansatz entschieden haben, und befürworten eine großflächige Diffusion der Tests. Die Umsetzung der Tests in vielen Ländern ist jedoch (im Frühherbst 2020) heterogen, unübersichtlich und lückenhaft; das Gleiche gilt möglicherweise für die Zentralisierung der Testergebnisse (Hanagen 2020; Coq-Chodorge 2020a). Darüber hinaus argumentieren einige Fachleute, dass Tests, die sich auf symptomatische Personen und deren Kontakte beschränken, ein ungenaues Bild von der Zirkulation des Virus zu liefern drohen. Nur die systematische Analyse der Ergebnisse stichprobenartiger Tests ganzer Populationen kann die versteckte Zirkulation von SARS-CoV2 ans Licht bringen (Wallard 2020).

Wenn ein Land oder eine Region die Teststrategie ändert, wird es darüber hinaus schwierig, epidemiologische Daten zu vergleichen, die in verschiedenen Phasen der Pandemie gesammelt wurden. Mehr als die Hälfte der Personen, die man in Frankreich auf dem Höhepunkt der Epidemie im Frühjahr 2020 diagnostizierte, wurde ins Krankenhaus eingeliefert, während Mitte September weniger als 5 % der ›positiven Fälle‹ im Krankenhaus landete. Der starke Anstieg des Testvolumens führte zur Entdeckung zahlreicher milder oder asymptomatischer Fälle von Covid-19. Leichte Fälle treten häufiger bei jüngeren Menschen auf. Der Anstieg des Anteils junger Menschen unter denjenigen, bei denen eine Infektion mit SARS-CoV2 festgestellt wurde, spiegelt zu unbekannten Proportionen die Kombination aus Änderungen des Testvolumens und den Auswirkungen der Abschirmung älterer Menschen wider (Coq-Chodorge 2020b).

Fundamentale Unterschiede bezüglich der Teststrategie stellen auch ein bedeutendes Hindernis für internationale Vergleiche dar: Es ist schwierig, Daten über die Prävalenz von Covid-19 aus Ländern, in denen es weit verbreitete und zuverlässige Tests gibt, solchen gegenüberzustellen, in denen sie viel lückenhafter und heterogener sind (Roucaute 2020). Dennoch wird die Anzahl der Covid-19-Fälle – eine Kurzform für die Anzahl der Personen, die positiv auf das Vorhandensein von SARS-CoV2 getestet werden – in den Medien und im öffentlichen Diskurs weiterhin als einfache ›wissenschaftliche Tatsache‹ dargestellt.

Ludwik Fleck und das Diagnose-Wirrwarr
Um die Verwirrung um die Bedeutung(en) von diagnostischen Tests für Covid-19 zu entwirren und die Art und Weise zu untersuchen, wie ›diagnostische Fakten‹ Wahrnehmungen und politische Strategien formen, können wir uns Ludwik Flecks Studie Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache von 1935 zuwenden. Bei der darin von Fleck untersuchten ›wissenschaftlichen Tatsache‹ handelt es sich um den Wassermann-Test zur Diagnose von Syphilis. Die Syphilis, eine Krankheit, die im frühen 20. Jahrhundert als große Bedrohung für die individuelle und kollektive Gesundheit wahrgenommen wurde, wird als eine Pathologie definiert, die durch eine Infektion mit dem Bazillus Treponama pallidum hervorgerufen wird. Die Syphilis ist eine sehr komplexe Krankheit mit variablen Ausprägungen, multiplen Manifestationen und latenten (unsichtbaren) Stadien; es ist daher schwer, sie genau zu diagnostizieren. Die Ausarbeitung eines Bluttests für Syphilis wurde im Nachhinein als eine wichtige wissenschaftliche Entdeckung von August Wassermann und seinen Mitarbeitern im Jahr 1906 dargestellt. Fleck untersuchte den langen und von Umwegen geprägten Entwicklungsverlauf, der von dem im ursprünglichen Artikel 1906 beschriebenen Bluttest für Syphilis bis hin zur Umformung dieses Tests in ein effizientes Diagnoseinstrument führte.

Ludwik Fleck (1896–1961) gilt heute als Pionier der konstruktivistischen Wissenschaftsforschung, der Untersuchung erkenntnistheoretischer Prinzipien und wissenschaftlicher Praktiken, von Laborstudien und visuellen Kulturen der Wissenschaft. Seine innovativen Ansätze zur soziologischen Erforschung wissenschaftlichen Wissens basierten auf seiner beruflichen Erfahrung als Mikrobiologe und Experte für öffentliche Gesundheit. Alle Positionen, die Fleck im Vorkriegs- und Nachkriegspolen innehatte, betrafen die Eindämmung übertragbarer Krankheiten. Flecks starke Verbindungen zum öffentlichen Gesundheitswesen entgingen jedoch größtenteils der Aufmerksamkeit derjenigen, die sein Denken wiederentdeckten (für eine bemerkenswerte Ausnahme siehe Rosenkranz 1981). Dies mag damit zusammenhängen, dass er sich eher als Grundlagenforscher denn als Praktiker darstellte, aber vielleicht auch damit, dass in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren die Kontrolle von Infektionskrankheiten nicht als zentrales Thema angesehen wurde. Viele Menschen glaubten damals, dass mit dem Fortschritt der modernen Medizin die Gefahren übertragbarer Krankheiten der Vergangenheit angehörten. Seither hat sich die Situation dramatisch verändert. In der Tat ist Fleck als Experte für öffentliche Gesundheit, der die Diagnose als kollektives Unterfangen und politische Frage untersucht hat, ein wichtiger Wegweiser für die heutigen Pandemiezeiten.

Der Ausgangspunkt von Flecks Überlegungen zur kollektiven Produktion eines ›diagnostischen Faktums‹ war die Idee, dass Krankheiten keine natürlichen Entitäten sind, sondern künstliche, klassifikatorische Einheiten, die von medizinischen Experten an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit produziert wurden. Die Klassifikationen der menschlichen Pathologien in der europäischen Medizin sind nicht dieselben wie die der chinesischen Medizin, und die Krankheiten der Renaissance unterscheiden sich von denen des 20. Jahrhunderts. Der Aufstieg der Bakteriologie brachte eine zusätzliche Komplikation mit sich. Mit dem Konzept der ›inapparenten‹ (heute: asymptomatischen) Infektion wurde das Vorhandensein einer spezifischen ›Krankheit‹ vom Auftreten charakteristischer Symptome abgekoppelt (Fleck 1985a). Eine Definition von ›Krankheit‹ ist innerhalb einer bestimmten sozialen Gruppe (›Denkkollektiv‹) gültig, die Wissen, Konzepte und Praktiken (›Denkstil‹) teilt. Wenn solche Definitionen für die Kommunikation zwischen ihrer Herkunfts-Gruppe und anderen ›Denkkollektiven‹ eingesetzt werden, werden sie oft verändert. Bei einer Routinediagnose von Diphtherie bei einem Kind, erklärt Fleck, gibt ein Mikrobiologe die sorgfältige Beschreibung eines mikroskopischen Präparats ab: ›Vorhandensein von einigen Mikroorganismen mit den Merkmalen von Diphterie-Bazillen‹. Diese Beschreibung wird vom Arzt des Kindes als ›das Labor hat Diphtherie-Keime im Rachenabstrich gefunden‹ übersetzt und als vereinfachte Aussage an die Mutter des Kindes weitergegeben: »Es wurde Diphterie bei ihrem Kind festgestellt.« (Fleck 1980, 152)

Während ihrer Berufsausbildung lernen Mikrobiologen typische Erreger unter dem Mikroskop zu erkennen. Sie lernen auch, dass eine genaue Diagnose nur dann möglich ist, wenn sie sich streng an ein standardisiertes Protokoll halten, das die genauen Bedingungen der Kultur, Färbung und Beobachtung von Mikroorganismen festlegt. Wenn ExpertenInnen, die eine Diagnose erstellen, demselben ›Denkkollektiv‹ angehören, also eine ähnliche Ausbildung erhalten haben und sich an dieselben Grundprinzipien halten, können sie sich auf die ›richtigen‹ diagnostischen Kriterien einigen und verlässliche und reproduzierbare ›diagnostische Fakten‹ produzieren. Es kann jedoch vorkommen, dass mehr als ein ›Denkkollektiv‹ an der Produktion von ›diagnostischen Fakten‹ beteiligt ist. Wenn das der Fall ist, kommt es vor, dass jedes Kollektiv seine eigenen ›Fakten‹ produziert. Fleck illustriert diesen Punkt anhand einer Kontroverse über die Diagnose von Scharlach. Scharlach ist eine Krankheit, die durch eine Infektion mit dem Bazillus Streptococcus haemoliticushervorgerufen wird. Dieser Bazillus zeichnet sich durch seine Fähigkeit aus, eine Substanz abzusondern, die rote Blutkörperchen zerstört (Hämolyse). Die Bakterien aus dem Rachen der PatientInnen werden auf einem Nährboden gezüchtet, der rote Blutkörperchen enthält. Wenn man unter ihnen Kolonien von Streptokokken beobachten kann, die von einem gut definierten, transparenten Hof umgeben sind – ein Zeichen für die Zerstörung roter Blutkörperchen –, lautet die Schlussfolgerung, dass der/die PatientIn Scharlach hat. Wenn es keine solchen Kolonien gibt, hat er/sie es nicht.

Aber was passiert, wenn man nur ›grenzwertige‹ Kolonien findet, die von einem kleinen Halo umgeben sind, eine Situation, die derjenigen nicht unähnlich ist, bei der nach 45 Zyklen der Amplifikation von Nukleinsäure SARS-Cov2-RNA angetroffen werden, nicht aber nach 30? Wird der Patient als Scharlach-Fall definiert werden? Das hängt, so Fleck, davon ab, wer die Entscheidung trifft. Handelt es sich um GrundlagenforscherInnen, die die Pathophysiologie von Scharlach untersuchen, werden sie erklären, dass PatientInnen, die nicht mit einem ›typischen‹ Streptococcus haemoliticus infiziert sind, nicht als bestätigter Fall von Scharlach eingestuft werden sollten. Handelt es sich um EpidemiologInnen, so werden sie dem Vorsorgeprinzip folgen und PatientInnen, die mit einem ›grenzwertigen‹ Bazillus infiziert sind, als Scharlachfall einstufen. Sowohl die GrundlagenforscherInnen als auch die EpidemiologInnen geben eine ›richtige‹ Antwort, aber ihre Antworten sind nicht die gleichen und können zu sehr unterschiedlichen Einschätzungen bezüglich der Prävalenz von Scharlach an einem bestimmten Ort führen, gelangt man doch »je nach dem Zweck der Untersuchung zu abweichenden und nicht austauschbaren Wahrheiten« (Fleck 1983, 51). So sind auch die Ansätze von GrundlagenforscherInnen und EpidemiologInnen zur Diagnose etwa der Diphtherie gleichwertig, aber nicht symmetrisch. Die Definition der Diphtherie durch EpidemiologInnen ist nicht ›wahrer‹ als die der GrundlagenforscherInnen, aber EpidemiologInnen tragen eine unmittelbare Verantwortung gegenüber einer potenziell gefährdeten Bevölkerung. Wie ein von Fleck zitierter Epidemiologe erklärte, »Mir scheint es […] in zweifelhaften Fällen lieber, die Diagnose auf hämolytische Streptokokken zu stellen, als sie abzulehnen. Denn im letzteren Falle kann ein Irrtum von folgeschwerer Wirkung sein« (Fleck 1983, 52).

Ludwik Fleck und die Politik der Diagnose
Die Syphilis wurde als äußerst gefährliche Krankheit wahrgenommen. Sie gefährdete nicht nur den Einzelnen, sondern bedrohte auch das Wohlergehen künftiger Generationen. Entsprechend war die Entwicklung eines diagnostischen Tests für diese Krankheit von politischen Überlegungen geprägt. Der Beginn der Arbeiten an einem serologischen Test auf Syphilis wurde durch den internationalen Wettbewerb, vor allem zwischen Deutschland und Frankreich, angeregt und der Erfolg der Wassermann-Reaktion basierte von Anfang an nicht ausschließlich auf rein wissenschaftlichen Fakten. Eine Rivalität zwischen den Nationen auf einem Gebiet, das jeder Laie für zentral hielt, und eine Art vox populi, personifiziert durch einen Ministerialbeamten, bildeten ein gesellschaftliches Motiv, das die Arbeit antrieb.

Entsprechend groß war der Aufwand, der für dieses wissenschaftliche Projekt betrieben wurde (Fleck 1980, 68f.). Es umfasste die Kooperation hunderter Experten und die Veröffentlichung tausender wissenschaftlicher Artikel (Fleck 1980, 78f.). Außerdem zog es nicht nur eine lokale Homogenisierung der Praktiken nach sich, sondern auch internationale Zusammenarbeit. In einer Reihe von Workshops, die vom Völkerbund zwischen 1923 und 1930 gesponsert wurden, verglich man die Spezifität einer ganzen Reihe verschiedener Versionen der Wassermann-Reaktion (Mazumdar 2003). Aber auch andere Interventionsformate wie Konsenskonferenzen, die Verbreitung von Informationen in der Presse und Aufklärungskampagnen festigten die Standardisierung des Wasserman-Tests und seine Umwandlung in ein zuverlässiges Diagnoseinstrument (Fleck 1980, 80f.).

Das verstärkte Experimentieren, das zur Entstehung und Entwicklung der Diagnose-Tools für Syphilis führte, begann mit politischen Überlegungen. Es endete mit politischen Entscheidungen. Die von Fleck untersuchte ›wissenschaftliche Tatsache‹ war nicht nur ein faszinierendes Stück neuer wissenschaftlicher Erkenntnis, sondern zugleich eine Entwicklung, die das Leben der Menschen direkt betraf. ›Wasserman-positiven‹ Personen wurde mitgeteilt, dass sie gefährliche Keime in sich trugen, die ihre körperliche und geistige Gesundheit sowie die Gesundheit ihrer Sexualpartner und Kinder ernsthaft in Gefahr brachten. Diese Informationen, gepaart mit der anhaltenden Stigmatisierung der Syphilis (zumindest bis zum Aufkommen des Penicillins), veränderten oft die Art und Weise, wie die PatientInnen sich selbst sahen und von anderen wahrgenommen wurden. Die neue Erkenntnis wurde auch gesetzlich verankert. In den späten 1930er und 40er Jahren führten viele Länder obligatorische voreheliche Tests auf Syphilis ein. Aber auch andere Bevölkerungsgruppen, wie Soldaten oder schwangere Frauen, mussten sich verpflichtend testen lassen (Brandt 1985). In den späten 1930er Jahren wurde der Wasserman-Test zu einer juristischen und politischen Tatsache. Die Geschichte der Umwandlung dieses Tests in ein effizientes Diagnoseinstrument, die Fleck 1935 erzählte, nahm jedoch in der Folge eine unerwartete Wendung. In den späten 1940er und frühen 1950er Jahren stellten ExpertInnen fest, dass viele positive Ergebnisse der Wassermann-Tests »echte falsch-positive Ergebnisse« waren. Das positive Ergebnis zeigte in diesen Fällen keine Infektion mit dem ätiologischen Erreger der Syphilis an, sondern wurde durch das Vorhandensein einer anderen Pathologie/Anomalie hervorgerufen, z.B. einer Autoimmunerkrankung oder einer Leberpathologie (Zalc 1985). Der Anteil solcher »echten falsch-positiven« Ergebnisse war in Einrichtungen mit einer hohen Syphilisprävalenz, z.B. in Kliniken für Geschlechtskrankheiten, gering, aber viel höher, wenn die allgemeine Bevölkerung untersucht wurde. Die Definition der Syphilis als Krankheit, die durch eine Infektion mit Treponema pallidum ausgelöst wird, änderte sich ab dem frühen 20. Jahrhundert nicht, aber zahlreiche durch den Test bestätigte Syphilisfälle aus dem Jahr 1935 wären 1955 nicht mehr als solche klassifiziert worden.

Die Stärke der Wissenschaft, betonte Fleck, liegt in ihrer kollektiven Natur. Diese kann auch eine Quelle ihrer Schwäche sein. Fleck, der die dunklen Zeiten des aufkommenden Faschismus in den 1930er Jahren miterlebte und in einem Konzentrationslager inhaftiert überlebte, war sich der Gefahren einer unkritischen Akzeptanz einiger Formen kollektiven Denkens nur allzu bewusst. Im Jahr 1960 warnte er vor der exzessiven Macht ausgewählter Expertengruppen. Ein Denkkollektiv, so erklärte er, sei zugleich kreativ, widerspenstig und gefährlich wie eine Urgewalt. Diese Gefahr kann durch die Demokratisierung der Wissenschaft verringert werden (Fleck 1985b). Um eine übermäßige Anhäufung von Macht in den Händen einer kleinen Gruppe von Experten zu verhindern, ist es wichtig, Wissenschaftler rechenschaftspflichtig und ihre Handlungen transparent zu machen sowie die demokratische Kontrolle wissenschaftlicher Technologien zu unterstützen. Fleck wollte die Entwicklung der »Soziologie der Wissenschaftsstile« anregen – eine Disziplin, die das Verständnis dafür voranbringen sollte, wie Wissenschaft funktioniert: nicht als abstraktes Ideal, sondern als konkrete, situierte soziale Praxis.

Der Bioethiker Leon Eisenberg beendet seinen Text »Rudolf Ludwig Karl Virchow, where are you, now that we need you?« mit einer aufschlussreichen Anekdote. Virchow, der in den 1850er Jahren als Assistent des Pathologieprofessors Johann Schonlein arbeitete, widersprach der Meinung seines Chefs, ein Patient sei an einer Hirnblutung gestorben, indem er einen verstopften Embolus in einer Arterie nachwies. Schonlein, der im Gegensatz zu seinem Assistenten konservative Vorstellungen vertrat, bemerkte daraufhin zu Virchow, »Sie sehen überall Barrikaden« (Eisenberg 1984, 531). Fleck, so könnte man vermuten, »sah überall Kollektive« und glaubte, dass ein weit verbreitetes Verständnis davon, wie ›wissenschaftliche Fakten‹ produziert und stabilisiert werden, die Demokratisierung von Wissenschaft und Gesellschaft fördern würde. Ein Effekt der Covid-19-Pandemie ist schwindendes Vertrauen in die Wissenschaft – nicht selten in Verbindung mit widersprüchlichen und verworrenen Aussagen, die von Politikern als ›wissenschaftliche Fakten‹ präsentiert wurden. 1935 untersuchte Fleck die Entstehung und Verwendung eines diagnostischen Tests für Syphilis, um zu erklären, wie WissenschaftlerInnen, aber auch – um Mary Douglas zu folgen – Institutionen denken und handeln (Douglas 1987). Seine aufschlussreiche Analyse dieser ›diagnostischen Tatsache‹ kann uns immer noch lehren, wie sich erforschen lässt, was Wissenschaft kann und was nicht.

Zuerst in englischer Sprache erschienen am 16. Oktober 2020 in der Serie Dispatches from the pandemic auf somatosphere.net/2020/ludwik-fleck-where-are-you-now.html

Übersetzung: Katrin Solhdju

Ludwik Flecks Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache

Bibliographie

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